Sonntag, 15. Januar 2017

Darf ich das Kind lieben, als wäre es mein eigenes?




Diese eine Frage stelle ich mir schon sehr lange. Eigentlich schon seit dem Tag, an dem wir unseren kleinen Knopf bekommen haben.

Abgesehen davon weiß ich ja noch nicht einmal, wie man ein leibliches Kind lieben kann. Wie es ist, eine Bindung vom ersten Herzschlag, besser noch, vom ersten Ultraschallbild aufzubauen.
Ein Kind neun Monate lang unter dem Herzen zu spüren. Zu wissen, es ist dein Fleisch und Blut.

Bin ich deswegen berechtigt, zu einem anfangs mir völlig fremden Baby solche Gefühle aufzubauen? Geht das überhaupt?


Es gibt Mütter, die können gar keine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Sei es durch eine schwere Geburt, eine ungewollte Schwangerschaft, Wochenbettdepressionen usw. Aber da muss doch auch Liebe da sein, oder?

Wenn ich den Kleinen jetzt nach 11 Monaten an sehe, erblüht mir mein Herz im wahrsten Sinne. Sehe ich ein Bild von ihm, wenn er gerade nicht da ist, dann ist da ein ganz, ganz tiefes Gefühl. So innig und rein, wo ich mir denke, dass muss diese Mutterliebe sein. Die tiefe Mutterliebe, von der alle Mütter sprechen. So stelle ich sie mir vor. So und nicht anders.

Manchmal komme ich mir aber falsch vor, ihn so zu lieben. Aus vollstem Herzen. Darf ich das überhaupt? Steht es mir überhaupt zu? Es ist doch gar nicht mein leibliches Kind. Was sagt das Umfeld dazu? Denken sie, dass ich es als Ersatz sehen würde und mich da einfach nur hinein steigere?

Zugegeben, der erste Moment mit dem Kind war anders als erwartet. Schon deswegen, weil wir noch überhaupt gar nicht damit gerechnet hatten. Es kam so plötzlich. Klar, das wurde uns auch vom Jugendamt gesagt, dass es schnell gehen könnte. Aber unser Weg war schon so lang und schwer, da glaubt man an so etwas gar nicht mehr. Das etwas schnell und einfach gehen könnte.

Als ich das Baby das erste Mal in den Armen hielt, kam ich mir vor wie ferngesteuert. Ich brach nicht in Tränen aus. Mein Verstand lief auf Autopilot. Zu oft wurde ich davor schon verletzt. Da war auch noch die Aussage vom Jugendamt, dass noch gar nicht sicher wäre... Eine Schranke viel vor mein Herz und machte dicht. Ich hielt ihn in meinen Armen und fühlte - nichts.

Aber von Stunde zu Stunde begann in mir etwas zu wachsen. Ich wusste, er war "unserer". Ich wusste, dass ich ihn nie wieder her geben würden wollte. Das hat sicher auch mit unserem Beschützerinstinkt zu tun.

Dennoch, der kleine Mann HAT es verdient, so geliebt zu werden

bedingungslos - ehrlich - von ganzem Herzen!

so, wie es jedes Kind verdient hat, geliebt zu werden.

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Kommentare

  1. Hallo,

    wir haben einen sehr ähnlichen Hintergrund.
    Auch wir hatten Riesenglück und haben 2014 unsere Tochter zur Adoption bekommen. Und auch ich habe beim ersten im Arm halten nicht geweint. Ich war einfach im emotionalen Ausnahmezustand. Die Bindung und Liebe waren aber sofort da. Meiner Meinung nach darf und soll man ein Adoptivkind genauso lieben wie ein leibliches. Durch die Wartezeit,bis das Adoptionsverfahren abgeschlossen war, hatte ich aber schon immer Ängste, ob sie uns nochmal weggenommen wird (auch bei uns hat es dann doch vor Weihnachten nicht mehr geklappt und das Weihnachten war für mich gelaufen dann). Viell. gab es da auch einen kleinen Selbstschutz, falls doch noch was schief geht, aber die Liebe war trotzdem riesig. Und ich nehme mein Kind noch heute nicht für selbstverständlich und bin jeden Tag dankbar dafür, dass sie da ist. Auch wenn es mal anstrengend ist. Da wunder ich mich manchmal über das Gemecker mancher leiblicher Eltern. Deren Liebe kommt mir manchmal sogar kleiner vor. ;-)
    Nach Abschluss des Adoptionsverfahrens ist das Ganze in den Hintergrund getreten. Wir denken nicht mehr ständig an die Adoption und wir fühlen uns mittlerweile wie eine ganz normale Familie. Neue Bekannte sind immer überrascht, wenn dann doch mal erwähnt wird, dass unsere Tochter adoptiert ist. Sie passt aber auch so gut in unsere Familie, dass wir harmonischer sind als so manche Familie mit leiblichem Kind, die wir kennen.
    Ich hoffe, dass Ihr das Adoptionsverfahren auch bald abschließen könnt. Drücke alle Daumen. Danach wird alles noch besser. :-) LG

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    1. Du sprichst mir aus der Seele. Da bei uns ja auch noch nicht die Unterschrift da ist, versucht man sich auch selbst zu schützen. Auch ich beobachte jetzt häufiger, wie andere Eltern mit ihren Kindern umgehen und stelle fest, dass bei mir irgendwie auch teileweise alles harmonischer und liebevoller ist. Vielleicht ist es, weil wir wirklich alles bewusster mit Kind erleben und einfach nur dankbar sind. Weil wir wissen, wie es ist, sich sehnlichst eins zu wünschen. Ich danke dir für deine lieben Worte und wünsche euch auch für die Zukunft alles Liebe.

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  2. Wir haben zwei Adoptivkinder und auch mir ging es so. Es ist ein emotionaler Ausnahmezustand. Ich konnte überhaupt nichts empfinden, als ich unseren Großen zum ersten Mal sah. Ich dachte innerlich:"so, dass soll nun unser Kind sein". Und es war unser Kind. Es ist einfach perfekt. Und jaaaa, du darfst ihn so lieben, du hast ihm nicht geboren, dennoch bist du seine Mama und er hat es soooo sehr verdient, über alle Maßen geliebt zu werden.

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    1. Danke dir :-) ich glaube schon fast ein bisschen, dass tatsächlich alles so kommt, wie es sein soll. Diese Kinder sind/waren einfach für uns bestimmt. Auch wenn nicht jeden Tag Sonnenschein ist, man kann einfach nicht anders, als die Kinder zu lieben.

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  3. Ich denke, auch Adoptiveltern können diese bedingungslose Liebe entwickeln wie die leiblichen Eltern. Du bist dort ja nach und nach hinein gewachsen und entwickelst genau so diese Gefühle. Auch wenn die Bindung nicht schon durch die Schwangerschaft gewachsen ist, so bin ich mir sicher, dass eine Adoptivmutter diese Bindung im Nachhinein genau so aufbauen kann! Du bist seine Mama und darfst ihn lieben als wäre es Deins, denn er ist ja Dein Kind!!!!
    Ich wünsche Euch weiterhin alles Gute und dass die Adoption bald abgeschlossen ist und ihr einfach nur eine ganz normale Familie sein dürft.
    Liebe Grüße
    Dani Ela

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  4. Liebe Dani Ela, wie sehr ich mich immer über deine Worte freue :-)
    Ich danke dir. Ja, wir warten so sehr auf den Tag, an dem wir ihn endlich ganz für uns haben dürfen. Nur, so wie es jetzt aussieht, wird sich das noch länger ziehen. Ich denke nicht, dass sie bis zu seinem Geburtstag unterschreibt. Denn dann müssen wir eine Klage einreichen und irgendwann auf die richterliche Unterschrift hoffen. Das kann sich noch einmal so lange hin ziehen...
    Ganz liebe Grüße

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    1. Oh je, das klingt nicht so gut :-( Aber lasst Euch nicht unterkriegen! Auch das schafft Ihr noch! Bleibt stark und genießt weiterhin jeden Tag mit dem Kleinen! Auch wenn es noch länger dauert, es wir sicherlich alles gut ausgehen für Euch! Ich wünsche es Euch von ganzem Herzen.
      Liebe Grüße
      Dani Ela

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  5. Ich weiß nicht, ob ich mitreden darf, da ich ein leibliches Kind habe. Ich konnte mir bis zum Tag der Geburt nicht vorstellen, wirklich mit Kind das Krankenhaus zu verlassen. Als sie dann da war und mein Kopf meinem Herzen irgendwie begreiflich machen musste, dass das mein Kind ist, hat mich das so aufgeregt, dass sie mich mit Beruhigungsmitteln runterholen mussten. Und auch jetzt nach 2 Monatengeht begreife ich es immer noch nicht ganz und hab oft Dankestränen in den Augen. Ich glaube, dass Mütter, die eine lange Kinderwunsch- und Wartezeit hinter sich haben, dankbarer und liebe-voller auf ihr Kind schauen, egal ob es leiblich oder adoptiert ist. Also wenn ich deine Einträge lese, seh ich sehr viele Parallelen zu uns. Liebe Grüße und weiterhin alles Gute und viel Kraft beim Warten auf die Unterschrift!
    Die Thüringerin

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  6. Hallo liebe Thüringerin,
    natürlich darfst du mitreden :-)
    Du hast wohl auch einen langen und schweren Weg hinter dir, oder? Das tut mir leid. Aber dafür ist es jetzt umso schöner. Das Gleiche habe ich mir auch schon einmal gedacht. Wenn man jahrelang einen Kinderwunsch hatte und auch sehr hart gekämpft hat, dann ist man viel dankbarer und schätzt dieses große Glück auch ganz anders. Was natürlich nicht heißen soll, dass Frauen, die ganz schnell normal schwanger werden, ihre Kinder nicht so lieben. Ich denke nur, dass wir uns einfach viel mehr dessen bewusst sind, was für andere selbstverständlich ist.
    Liebe Grüße

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